TRADITION MEETS TECHNIK - 
WO LICHT IST, IST AUCH SCHATTEN.

written for NORMA ACADEMY // by MARCEL GRAF


Die Jagd ist das älteste Handwerk der Menschheit, welches seine Tradition und Technik über Jahrhunderte stets weiterentwickelt hat, bis heute. Von der ursprünglichen Jagd mit Pfeil und Bogen ist nur noch wenig geblieben, die Technik gewinnt im Bereich der Jagd zunehmend an Bedeutung. Ein neues Zeitalter der Jagd hat begonnen, mit Wärmebild- und Nachtsichttechnik verschwimmen die Grenzen zwischen Tag und Nacht. Dieser technische Fortschritt ist mit der revolutionären Entwicklung von Feuerwaffen in Europa im 14. Jahrhundert gleichzusetzen. Diese Entwicklung stellt auf dem ersten Blick ein Widerspruch zu unserem Ehrenkodex der waidgerechten Jagd dar, doch auf dem zweiten Blick wird deutlich das auch diese technische Entwicklung, ihre Vorteile mit sich bringt. Die Frage ist nur wie wir diese einsetzen und ethisch mit dem gewonnen Vorteil gegenüber dem Wild umgehen - Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Betrachtet man die derzeitige Situation bezogen auf Schwarzwild in Deutschland, wird schnell deutlich das wir vor einem großen Problem stehen. Die steigenden Populationszahlen verursacht durch ein verbessertes Nahrungsangebot rund ums Jahr, in Kombination mit immer milderen Temperaturen im Winter, verursachen optimale Bedingungen für die Vermehrung der Schwarzkittel. Die Jahresstrecke ist in Deutschland in den letzten 20 Jahren um den Faktor 2,4 angestiegen von 1998/1999 251.431 auf 599.855 2018/2019. Die Frage die sich in diesem Zusammengang stellt, ist wie Jägerinnen und Jäger in Zeiten drohender ASP (Afrikanischen Schweinepest) eine effektive und waidgerechte Bejagung sicherstellen können. An dieser Stelle trifft Tradition auf Technik und damit verbunden die Fragestellung ob wir Vorsatzgeräte für die Bejagung von Schwarzwild nutzen möchten. Diese Frage muss jedoch jeder für sich selbst beantworten. Für all jene die sich bereits für den Einsatz von Wärmebild- oder Nachtsichtechnik entschieden haben, folgt eine Zusammenfassung der technischen Eigenschaften, sowie ihrer Vor- und Nachteile.

Wie so oft bei der Jagd müssen wir unserer Ziel definieren und auf Grundlage der gesammelten Informationen eine Entscheidung treffen. Daher ist es wichtig die Funktionsweise von Wärmebild- und Nachtsichttechnik näher zu betrachten, um das passende Gerät für das gewünschte Einsatzgebiet zu identifizieren.



// FUNKTIONSWEISE WÄRMEBILDTECHNIK:


Der Mensch nimmt seine Umwelt durch sichtbare Strahlung, in Form von Licht, wahr. Es gibt jedoch auch Lichtstrahlung die für das menschliche Auge unsichtbar sind, da diese sich außerhalb des für uns wahrnehmbaren Wellenlängenbereichs befinden. Genau hier setzt die Funktionsweise von Wärmebildgeräten an und macht Infrarotstrahlung für das menschliche Auge sichtbar. Diese Strahlung ist auf Energie (Wärme) zurückzuführen die zum Beispiel von Lebewesen oder Gegenständen erzeugt und abgestrahlt werden. Die hierbei entstehende thermische Strahlung wird in Form von Infrarotstrahlung, mit Hilfe eines Sensors, in eine Bildinformation umgewandelt und so für unser Auge sichtbar. Das hierbei entstehende Bild gibt die Konturen des Objektes wieder. Hierbei gilt, je größer die thermische Differenz zur Umgebung, desto klarer kann der Temperaturuntersschied eines Objektes dargestellt und sichtbar gemacht werden. Für diesen technischen Prozess des Sensors ist keine externe Lichtquelle notwendig, hierdurch definiert sich der entscheidende Vorteil dieser Technik und das damit verbundene Einsatzgebiet. Mit Wärmebildtechnik kann jedoch nicht durch Glas hindurch beobachtet werden, da die hierfür benötige Infrarotstrahlung von Glas absorbiert bzw. nicht hindurchgelassen wird. Es ist jedoch möglich Konturen in einem Spiegel wahrzunehmen, da die Beschichtung des Spiegels Infraarotstrahluung reflektiert.




















// VORTEILE WÄRMEBILDTECHNIK

  • Das Aufspüren von Wild erfolgt schnell und zuverlässig, da sich Wärmepunkte gut von der Umgebung abheben. Dies ist auch in unübersichtlicher Umgebung möglich.

  • Die Wärmebildtechnik kann am Tage sowie bei Nacht eingesetzt werden, da der Sensor kein Licht zur Darstellung des Bildes benötigt.

  • Diese Technik ist nahezu wetterunabhängig und kann daher stets effektiv eingesetzt werden, bis auf wenige Ausnahmen (starker Nebel)

  • Durch die Verwendung dieser Technik kann die Jagd effektiver gestaltet und somit mehr Ruhe im Revier hergestellt werden.

  • Da keine externe Lichtquelle (IR Aufheller) benötigt wird, bleibt der Jäger für das Wild „unsichtbar“

  • Das Gewicht der am Markt verfügbaren Geräte ist gering und die Einsatzreichweite groß (je nach Modell und Sensor)

  • Beim Einsatz von Wärmebildtechnik entsteht keine störende Reflexion durch Bewuchs

  • Der Sensor unterliegt keinem technischem Verschleiß

  • Es kann auf einem Blick erkannt werden, ob Frischlinge bei der Bache sind bzw. ob das Gesäuge angesaugt ist.

  • Herstellung von Sicherheit vor dem Schuss in absoluter Dunkelheit.


// NACHTEILE WÄRMEBILDTECHNIK

  • Der Einsatz von Wärmebildtechnik ist mit einem sehr hohem Energieverbrauch verbunden, die durchschnittliche Akkulaufzeit beträgt 3 bis 5 Stunden

  • Wärmebildgeräte haben oft eine hohe Grundvergrößerung, wodurch die Benutzung im Laufen oft schwer fällt, zudem können Entfernungen hierdurch nur schlecht geschätzt werden.

  • Mit Wärmebildtechnik ist keine Ansprache von Geweih oder Gehörn möglich.

  • Wärmevorsatzgeräte müssen vor Benutzung eingeschossen werden.

  • Es ist nicht möglich durch Autoscheiben zu schauen, Beobachtungen können nur mit heruntergelassenem Fenster vorgenommen werden, dadurch ergibt sich eine eingeschränkte Sicht.

  • Bei hoher Luftfeuchtigkeit in Kombination mit warmer Umgebungstemperatur, sowie bei Nebel ist die Funktion eines Wärmebildgeräte eingeschränkt, da hierdurch die Detailtiefe vermindert wird.

  • Bei der Beobachtung von Wild können Gräser oder Zweige übersehen werden, wodurch es bei Schussabgabe mit Vorsatzgerät unter Umständen zur Geschossablenkungen bzw. einer abweichenden Treffpunktlage kommen kann.


// FUNKTIONSWEISE NACHTSICHTTECHNIK


Die Funktion eines Nachsichtgerätes basiert auf dem Prinzip der Restlichtverstärkung. Hierzu wird vorhandenes Licht in der Dunkel, wie zum Beispiel Mondschein, Sternen- und Stadtlicht soweit verstärkt, dass die für den Menschen sichtbaren Lichtwellen wahrnehmbar werden. Zudem können beispielsweise extreme IR Aufheller dazu beitragen Licht ins Dunkle zu bringen wodurch auch bei schlechten Lichtverhältnissen eine sichere Funktion gewährleistet wird. Ein Nachtsichtgerät besteht aus den Hauptbestandteilen Elektronik, Objektiv und Okular, sowie einer Photokathode. Licht besteht aus Photonen, mit dem Einfall der Lichtwellen in die Photokathodenröhre, wird dieses in Elektronen umgewandelt. Durch elektronische und chemische Prozesse werden die hierbei gebildeten Elektronen mehrfach verdoppelt und verstärkt. Die hierdurch verstärkten Elektronen prallen gegen die Phosphorfläche, wodurch sich diese in sichtbares Licht umwandeln. Das herbei entstandene Licht kann vom menschlichem Auge nun als grün oder schwarz/weiß Abbildung durch das Okular wahrgenommen werden. Dieses technische Verfahren ist jedoch auf Restlicht angewiesen und funktioniert daher nicht in absoluter Dunkelheit.



// VORTEILE NACHTSICHTTECHNIK

  • Der Energieverbrauch ist bei Nachtsichttechnik als niedrig zu bezeichnen, die durchschnittliche Akkuleistung beträgt ca. 50 Stunden.

  • Die Darstellung des Bildes ist detailreich und ohne Zeitverzögerung, hierdurch ist es möglich Wild wie am Tag anzusprechen bzw. Geweih und Gehörn genau zu bestimmen.

  • Das Einschießen eines Nachtsicht Vorsatzgerätes ist nicht notwenig, da der Blick direkt durch die Linsen bzw. Röhre fällt und nicht auf ein Display, ein Kontrollschuss ist jedoch dringend empfohlen.

// NACHTEILE NACHTSICHTTECHNIK

  • Das Aufspüren von Wild ist schwieriger, da sich dieses farblich nicht von der Umgebung abhebt bzw. leuchtet.

  • Die Photokathodenröhre unterliegt einem technischem Verschleiß und weißt daher eine bauartigbedingte Lebensdauer von ca. 1.000 Stunden auf.

  • Diese Technik ist sehr Witterungsabhängig, besonders bei starkem Regen und Schneefall, sowie bei Nebel.

  • Das Einsatzgebiet von Nachtsichttechnik ist auf die Dunkelheit reduziert. Wenn jedoch kein Restlich vorhanden ist, ist die Funktionen eingeschränkt bzw. nicht möglich, da kein Licht verstärkt werden kann.

  • Hindernisse zwischen Gerät und Objekt werden durch die Restlichverstärkung oder durch den Einsatz des IR-Aufheller überstrahlt und der Betrachter geblendet. Hierbei kann es dazu kommen, das keine Nutzung bzw. Schussabgabe möglich ist.



// FAZIT


Die Kombination beider Techniken kann als die perfekte Ausrüstung betrachtet werden, da sich Wärmebild- und Nachtsichtgeräte gegenseitig ergänzen. Jede Technik hat ihre Vor- und Nachteile, wichtig ist einmal mehr die Frage nach der eigenen Zielsetzung bzw. dem präferiertem Einsatzgebiet, nur so kann eine objektive Produktwahl abgeleitet werden. Während sich Wärmebildtechnik hervorragend zum entdecken von Wild eignet, zeichnet sich Nachtsichttechnik durch ein detailreiches Bild aus, wodurch Merkmale des Wildes sehr gut sichtbar werden. Der jagdliche Alltag hat aufgezeigt, dass der kombinierte Einsatz dieser beiden Techniken sich gut für die Jagd auf Schwarzwild eignet. Egal ob Wald oder Feld, ob Ansitz oder Pirsch. Ein Wärmebild-Handgerät ist bestens dafür geeignet um Schwarzwild zu entdecken, Rottenstrukturen zu analysieren bzw. zu bewerten ob eine Bache Frischlinge führt. Ein Nachtsicht- Vorsatzgerät bietet hingegen die Möglichkeit bei Nacht einen sicheren Schuss anzutragen, da das Wild als solches klar zu erkennen ist. Diese Technik spielt vor allem in Feldrevieren ihre Vorteile aus, da weniger störende Hindernisse wie zum Beispiel Blätter und Geäst das Licht des IR-Aufhellers reflektiert. Im Wald können so zudem Hindernisse in der Geschossflugbahn erkannt und somit Geschossablenkungen verhindert werden.

Als Fazit kann festgehalten werden, das die Wahl eines Vorsatzgerätes in Abhängigkeit zur bevorzugten Jagdart bzw. Jagdrevier steht. Bei einem reinem Waldrevier empfiehlt sich der Einsatz von Wärmebildtechnik, wohingegen sich in einem reinem Feldrevier die Nachtsichtechnik hervorragend anbietet. Bei kombinierten Revieren entscheidend das Portmonee. Nachsicht-Vorsatzgeräte sind deutlich preisgünstiger und starten bei guter Qualität mit 1.300 Euro, wohingegen ein gutes Wärmebild- Vorsatzgerät ab 3.000 Euro am Markt verfügbar ist. Betrachtet man darüber hinaus die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieser Techniken, wie Kitzrettung, Wildtiermonitoring, Wildschadenverhütung, Kampf gegen die ASP und als unterstützendes Instrument bei Nachsuchen, wird schnell deutlich das diese einen großen Nutzen für Jägerinnen und Jäger mit sich bringen. Der jagdliche Alltag wird deutlich erleichtert und bei richtiger Verwendung die Waidgerechtigkeit gefördert. Der Einsatz von Technik in einem traditionsreichem Handwerk wie der Jagd, muss kein Widerspruch darstellen, es liegt einzig und allein an der Art und Weise wie wir diese Technik einsetzen. Die Entscheidung liegt bei jedem einzelnen.

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